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Bis anhin galt der ostantarktische Eisschild als „Schlafender Gigant“. Gemäss einer neuen Studie ist der riesige Eispanzer bei dem aktuell steigenden CO2-Level von der Schmelze bedroht. Mengen von 600 ppm CO2 in der Atmosphäre können zu einem rapiden Abschmelzen des Eisschildes führen und in sehr kurzer Zeit den Meeresspiegel um mehrere zehn Meter ansteigen lassen.

Gletscher “entwässern” den riesigen antarktischen Eisschild. In Westantarktika schmelzen die Gletscher bereits aufgrund der globalen Erwärmung weg. Doch der viel grössere ostantarktische Eisschild, der vor allem auf Felsuntergrund über dem Meeresspiegel ruht, wurde bisher als stabiler betrachtet. Neuen Forschungsergebnissen zufolge wird er abschmelzen, sollten die CO2-Mengen in der Luft 600 ppm oder mehr erreichen und für lange Zeit bleiben. Bild: Katja Riedel
Gletscher “entwässern” den riesigen antarktischen Eisschild. In Westantarktika schmelzen die Gletscher bereits aufgrund der globalen Erwärmung weg. Doch der viel grössere ostantarktische Eisschild, der vor allem auf Felsuntergrund über dem Meeresspiegel ruht, wurde bisher als stabiler betrachtet. Neuen Forschungsergebnissen zufolge wird er abschmelzen, sollten die CO2-Mengen in der Luft 600 ppm oder mehr erreichen und für lange Zeit bleiben. Bild: Katja Riedel

Wissenschaftler haben eine CO2-Gefahrengrenze für das Abschmelzen des ostantarktischen Eisschildes errechnet, in dem sie eine detaillierte Zeitlinie um die Anfangszeit des Eispanzers vor 34 Millionen Jahren erstellt haben. Die Ergebnisse der Studie haben zu einer Warnung von einem der führenden Antarktis-Experten geführt, dass die Welt mit Vollgas auf einen massiv ansteigenden Meeresspiegel zusteuert aufgrund des Abschmelzens des Eispanzers.
Dir Forschungsarbeit hat aufgezeigt, dass bei einem weiteren Anstieg der Kohlendioxidwerte in der Atmosphäre wie bisher der riesige ostantarktische Eisschild schmelzen wird. „Unsere Studie zeigt klar, dass dieser Eispanzer immer instabiler werden und schmelzen wird, wenn die CO2-Werte in der Atmosphäre 600 Teile pro Million Teile Luft erreichen wird. Dies wird bis Ende dieses Jahrhunderts der Fall sein, sollten nicht die in Paris beschlossenen Emission Reduktionen erreicht werden“, erklärt Professor Tim Naish, der Leiter des Antarktisforschungszentrum der Victoria Universität. „Sollte der gesamte antarktische Eisschild wegschmelzen, wird der Meeresspiegel um rund 60 Meter ansteigen“, meint er weiter. Es ist ein schlafender Gigant!“ Die Ergebnisse der Studie wurden im März im renommierten Fachjournal Science veröffentlicht und dokumentieren das Wachstum des ersten kontinentweiten Eispanzers in Antarktika vor 34 Millionen Jahren. Unter der Leitung des italienischen Professors Simone Galeotti von der Universität Urbino, beruht die Arbeit auf der Untersuchung von geologischen Bohrungen aus dem Rossmeer von vor 16 Jahren in der Nähe der neuseeländischen Station Scott Base.

Die Bohrplattform des Projekts im Eis des Rossmeeres. Die Plattform wurde drei Jahre lang genutzt um Sedimentbohrkerne für die Rekonstruktion der antarktischen Vergletscherung zu gewinnen. Bild: Hans Grobe
Die Bohrplattform des Projekts im Eis des Rossmeeres. Die Plattform wurde drei Jahre lang genutzt um Sedimentbohrkerne für die Rekonstruktion der antarktischen Vergletscherung zu gewinnen. Bild: Hans Grobe

Damals waren im Rahmen des Cape Roberts Bohrprojektes bis zu 1‘500 m lange Bohrkerne aus dem Meeresboden entnommen worden, um die Vergletscherung Antarktikas zu verfolgen. Die Kerne stammten aus der Zeit, als das Klima von Victoria Land von kühl auf subpolar wechselte. Unterschiede in den Sedimentschichten dokumentieren die Vorstösse und Rückzieher des Eispanzers. Hervorgerufen werden sie durch Veränderungen der Erdumlaufbahn um die Sonne, auch bekannt als Milankovich-Zyklen. Diese Veränderungen beeinflussen die Entfernung der Antarktis von der Sonne und sind der Hauptgrund für die Warm- und Eiszeiten.

Die untersten Teile der Sedimentkerne haben eine Länge von 1 Meter und bestehen aus Sandstein. Bild: Hans Grobe, AWI/CRP
Die untersten Teile der Sedimentkerne haben eine Länge von 1 Meter und bestehen aus Sandstein. Bild: Hans Grobe, AWI/CRP

„Die Kerne zeigen, dass der erste antarktische Eispanzer sehr dynamisch war. Zu Beginn stiess er öfter vor und zog sich zurück und stabilisierte sich erst in seiner maximalen Ausdehnung als sich die CO2-Werte in der Atmosphäre auf unter 600 ppm reduzierten“, erklärt Tim Naish, der schon an der ursprünglichen Bohrung teilgenommen hatte und die jetzige Studie leitet. Die CO2-Konzentrationen erreichten letztes Jahr 400 ppm, weit über den 280 ppm vor der Industrialisierung. „Mit den gegenwärtigen Emissionsraten werden wir die 600 ppm noch vor dem Ende des jetzigen Jahrhunderts erreichen“, meint Simone Galeotti. Basierend auf den CO2-Werten, die herrschten, als sich der Eisschild bildete, berichten die Forscher, dass das Eis Antarktikas viel „empfindlicher“ auf das Schmelzen reagieren wird, wenn die 600 ppm in der Atmosphäre erreicht sind. „Wir wissen, dass Teile des Eispanzers der Westantarktis unterhalb des Meeresspiegels bereits als Antwort auf die globale Erwärmung wegschmelzen. Aber der viel grössere Eisschild der Ostantarktis, der vor allem auf Felsen über dem Meeresspiegle liegt, wurde als viel stabiler betrachtet“, sagt Professor Naish. „Jetzt wissen wir, dass er sehr verwundbar ist und viel kleiner war, als die atmosphärischen CO2-Werte denjenigen glichen, die wir für das Ende dieses Jahrhunderts erwarten.“

Quelle: Antarctic Research Centre, Victoria University Wellington