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Die ikonischen Eisberge in Grönland sind nicht nur tolle Fotomotive. Sie sind auch ein Anzeichen  für die Veränderungen, die entlang der Küste geschehen, das Schmelzen der Gletscher. Die eisigen Giganten, die nur aus Süsswasser bestehen, brechen ab und treiben langsam in die angrenzenden Gewässer und liefern so ihr Süsswasser in die salzige Umgebung. Ein Forschungsteam hat nun herausgefunden, dass Eisberge mehr Schmelzwasser in die Fjorde Grönlands liefern, als bisher angenommen. Sie verlieren bis zu der Hälfte ihres Volumens während sie durch die engen Fjorde treiben gemäss der Resultate der Wissenschaftler.

Einer der aktivsten Gletscher der Welt ist der Jakobshaven-Gletscher. Seine Eisberge treiben in den Gewässern vor Ilullissat und bilden die berühmte Eisbergallee. Bild: Michael Wenger
Einer der aktivsten Gletscher der Welt ist der Jakobshaven-Gletscher. Seine Eisberge treiben in den Gewässern vor Ilullissat und bilden die berühmte Eisbergallee. Bild: Michael Wenger

Grönland, die grösste Insel der Welt, ist zu einem grossen Teil mit eine dicken Eispanzer bedeckt, der durch die steigenden Temperaturen immer weiter schrumpft und abschmilzt. In den Fjorden,, wo die abfliessenden Gletscher des Eispanzers sich ins Meer ergiessen, bricht Eis regelmässig ab und bilden dichte Eisbergansammlungen. Eine neue Studie hat nun herausgefunden, dass 10 – 50 Prozent der Eisbergschmelze in den Fjorden geschieht und nicht im offenen Ozean, wie bisher angenommen. Als Resultat davon kann mehr als die Hälfte des gesamten Schmelzwassers, das in die grönländischen Fjorde gelangt, von Eisbergen stammen und die Menge an Schmelzwasser der Gletscher überwiegen. „Damit können wir den Süsswassereintrag, der von Grönland ins Meer fliesst, besser bestimmen“, erklärt Ellyn Enderlin, Glaziologin an der Universität Maine und Hauptautorin der Studie. „Das könnte ausserordentlich wichtig sein, wenn wir darüber nachdenken, wie Grönland schmilzt, wie dies die Ozeanströmungen beeinflusst und das Klima.“ Die neue Studie könnte Wissenschaftlern helfen, besser zu verstehen, was an der Grenze zwischen Eis und Wasser geschieht, meint Jason Amundson, Geophysiker von der Universität von Alaska. „Der Grund, warum es interessant ist, liegt darin, dass in den letzten 20 Jahren einige Studien gezeigt hatten, dass die Stabilität der Gletscher davon abhängig ist, was an der Eis-Ozean-Grenze geschieht“, meint er weiter.

Dank der Satellitenbilder und der jährlichen ICEBridge-Mission der NASA konnten Forscher genaue Modelle des Eispanzers erstellen und vor allem die verschiedenen Schichten aufzeigen, die in den letzten Jahrtausenden abgelagert worden waren. Bild: NASA
Dank der Satellitenbilder und der jährlichen ICEBridge-Mission der NASA konnten Forscher genaue Modelle des Eispanzers erstellen und vor allem die verschiedenen Schichten aufzeigen, die in den letzten Jahrtausenden abgelagert worden waren. Bild: NASA

Der grönländische Eispanzer entlässt mehr als 1‘000 Kubikkilometer an Schmelzwasser pro Jahr gemäss den Autoren. Vorhergehende Studien hatten geschätzt, dass etwa die Hälfte davon von Eisbergen und die andere Hälfte von den Gletschern direkt kommen. Doch wieviel Wasser von den Eisbergen in die Fjorde gelangt war bisher ein Rätsel. In der neuen Studie haben Enderlin und ihre Kollegen Satellitenaufnahmen von zwei Fjorden verwendet, um das Gesamtvolumen an Eisbergen in den Fjorden zu bestimmen. Das Verfolgen der Eisberge über einen längeren Zeitraum erlaubte es den Forschern zu bestimmen, wie gross der Volumenverlust der Eisberge im Verlauf der Tage, Wochen und Monaten war, bevor sie den Ozean erreichten. Die Wissenschaftler errechneten, dass von Oktober bis April die schmelzenden den Süsswassereintrag in die Fjorde durch den Verlust bis zur Hälfte ihres Volumens bestimmen – Gletscher schmelzen während des Winters kaum. Auf dem Höhepunkt schmolzen die Eisberge mit insgesamt rund 1000 Kubikmeter (d.h. 1 Million Liter) pro Sekunde ab, das entspricht dem Auffüllen eines Olympiapools alle 2.5 Sekunden. Sogar während der warmen Sommermonate schmelzen die Gletscher unter der Wasseroberfläche mit nur rund 400 Kubikmeter pro Sekunde ab.

Der Eispanzer bedeckt 82% Grönlands und liefert jedes Jahr tausende von Eisbergen in die umliegenden Meeresgebiete. Bild: Hannes Grobe
Der Eispanzer bedeckt 82% Grönlands und liefert jedes Jahr tausende von Eisbergen in die umliegenden Meeresgebiete. Bild: Hannes Grobe

Eisberge sind winzig im Vergleich zu Gletschern aber sie tragen einen riesigen Anteil am Süsswassereintrag in die Fjorde bei, da sie aufgrund ihrer grösseren Oberfläche schneller schmelzen, erklärt Enderlin weiter. „Würde ich nur einen Eiswürfel in mein Getränk geben, würde dieser sehr langsam schmelzen. Doch würde ich ihn zuvor mit einem Hammer zerkleinern und zurückgeben, würde das Eis viel schneller schmelzen“, erklärt sie. Enderlin und ihre Kollegen nutzten auch Satellitenbilder, um die Eisbergverteilung in den beiden Fjorden zu untersuchen und damit die gesamte Fläche der Berge unter Wasser zu berechnen. Durch das Multiplizieren der Schmelzrate mit der gesamten Unterwasserfläche der Eisberge, konnten die Wissenschaftler herausfinden, dass während des ganzen Jahres mehr Schmelzwasser von den Eisbergen in die Fjorde floss als von den Gletschern. „Was ich jetzt sehe, ist die Grösse der Eisbergschmelze. Und wenn man diese nicht beachtet, erhält man eine verrückte hohe Schätzung für die Gletscherschmelze, die so gar nicht stimmen kann“, sagt Enderlin. Schmelzende Eisberge in den Fjorden bilden eine Süsswasserschicht nahe den Gletschern. Dieses Wasser kann die Zirkulation in den Fjorden beeinflussen, was wiederum das Abschmelzen und den Rückzug der Gletscher beeinflusst. Die Meeresströmungsmuster könnten auch unterbrochen werden, je nachdem, wo die Eisberge abschmelzen, gemäss Enderlin. Die Meeresströmungen sind einer der Hauptfaktoren des Wärmetransports von den Tropen zu den Polen und damit für Wetter und Klima zuständig. Enderlin hofft, ihre Forschung auf weitere Gebiete wie beispielsweise die Antarktis ausweiten zu können. Sie erklärt, dass sie die Arbeit, die sie mit Gordon Hamilton begonnen hatte, einem Glaziologen und Mitautor der Studie. Traurigerweise verstarb Hamilton letzten Oktober während eines Forschungsaufenthaltes in der Antarktis. „Ich würde sagen, dass dieses Projekt unser Baby war. Ich hatte viele Ideen von ihm übernommen. Er war wirklich elementar für die Forschung und es war traurig, dass er nicht mehr das Ende erleben durfte.“

Quelle: American Geophysical Union